Zuerst in der HNA erschienen.

Vor 20 Jahren wurde Halit Yozgat vom NSU ermordet. Sein Vater Ismail fand ihn sterbend in seinem Internetcafé in Kassel.

Kassel – Serife Yozgat (48), die älteste Schwester von Halit Yozgat, umarmte gestern viele Menschen. Schätzungsweise 500 Frauen, Männer und Kinder waren an den Halitplatz am Hauptfriedhof in die Nordstadt gekommen, um ihrem Bruder, der vor 20 Jahren in seinem Internetcafé von den Rechtsterroristen des Nationalsozialistischen Untergrunds (NSU) ermordet worden war, zu gedenken. Dieser Tag sei schwierig für ihre Familie, sagte Serife Yozgat. Einerseits sei es schön, dass so viele Menschen immer noch Anteil nehmen. Andererseits müsse man sich bei jedem Gedenktag vor Augen halten, warum ihr Bruder getötet worden ist. Und so etwas dürfe sich nicht wiederholen.

Gedenkveranstaltung 20. Todestag Halit Yozgat, Gedenkfeier20. Todestag von NSU-OpferHalit Yozgat, mit Bundespräsident a.D. Christian Wulff. Halitplatz und anschließend im Philipp-Scheidemann-HausFoto: Andreas Fischer
Eng verbunden: (von links) Zeliha Kiliicaslan mit ihrer Tochter Sena und Serife Yozgat mit Kassels früherem Oberbürgermeister Bertram Hilgen. © Fischer, Andreas

Was war Halit für ein Mensch? Die Augen seiner älteren Schwester strahlten, als sie davon berichtete. „Er war ein ganz Toller. Er war sympathisch, wissbegierig, zielstrebig und verantwortungsvoll.“ Ihr Bruder habe damals nicht nur in seinem Internetcafé an der Holländischen Straße gearbeitet, sondern nebenbei auch die Abendschule besucht. Er habe sein Abitur nachholen wollen, um anschließend zu studieren. „Er hatte eine besondere Begabung fürs Lernen“, sagte Serife Yozgat. Nach seinem Tod habe die Familie erfahren, dass er für die letzte Arbeit, die er in der Abendschule geschrieben hat, eine 1 bekommen hat. Ihre jüngere Schwester Zeliha Kiliicaslan (46) fügte hinzu: „Halit hat zu jeder von uns vier Schwestern eine besondere Verbindung gehabt. Er war ein Bindeglied zwischen uns.“ Sie empfindet es als Segen, dass Halit am Tag vor und am Tag seiner Ermordung zu allen Angehörigen noch Kontakt gehabt habe. Es sei schön, dass alle diese Chance der Begegnung noch mal bekommen hätten.

Gestern gab es viele Begegnungen, viele emotionale Augenblicke. Die beiden Schwestern begrüßten zum Beispiel Kassels früheren Oberbürgermeister Bertram Hilgen. Er war 2006 im Amt, als der Mord an Halit geschah. „Das ist unser Herzensmensch“, sagte Serife Yozgat in Richtung Hilgen. Er habe so viel für ihre Familie getan und halte bis heute Kontakt. Auch Irmgard Braun-Lübcke, Witwe des ermordeten Kasseler Regierungspräsidenten Walter Lübcke, und Sohn Christoph waren anwesend. Und dann war auch Christian Wulff gekommen, der als Bundespräsident einst die Opferfamilien ins Schloss Bellevue eingeladen hatte, als der Nationalsozialistische Untergrund aufgeflogen war. Im Interview mit der HNA hatte er bereits erklärt, dass er sich auf das Wiedersehen mit Halits Vater Ismail Yozgat, der heute 71 Jahre alt wird, sehr freue. Wulff nahm den trauernden Vater schließlich auf dem Halitplatz in den Arm. Zahlreiche Kameras hielten diesen emotionalen Moment fest. Berührend war auch die Geste von Yozgats Enkeltochter Sena. Sie lief zu ihrem Großvater, nachdem er die Tränen bei den Gebeten der beiden Imame Kadir Akay und Isa Akdag nicht mehr zurückhalten konnte.

Wulff sprach auch anschließend im Philipp-Scheidemann-Haus. Er mahnte, stärker bei Hass und Hetze zu widersprechen. „Die Stimmung in unserem Land muss sich grundlegend verändern. Und sie verändert sich bis zum heutigen Tage nicht ausreichend.“ Zudem appellierte er: „Es muss endlich aufhören, bei jeder Herausforderung, bei jedem Anlass die Probleme immer im Zusammenhang mit Zuwanderung zu sehen.“ Da gab es viel Applaus während der Gedenkveranstaltung, bei der nicht nur Wulff betonte, stets an Halit Yozgat und die anderen Opfer der Rechtsterroristen zu erinnern und an der Seite der trauernden Familien zu stehen. Zudem erinnerte er an seine berühmte Rede vom 3. Oktober 2010 in Bremen, als er jenen Satz sprach, der wohl am meisten von seiner Amtszeit geblieben ist: „Der Islam gehört zu Deutschland.“ Er habe damals alles gesagt, erklärte er nun – und er warb erneut für Vielfalt in diesem Land.

Vor ihm hatten schon der türkische Generalkonsul Erdinç Evirgen, Barbara John, die Ombutsfrau für die Opferfamilien, und Kassels Oberbürgermeister Sven Schoeller geredet. Schoeller sagte: „Das ist ein dunkler und trauriger Tag in der Geschichte unserer Stadt.“ Halit Yozgat, der heute 41 Jahre alt wäre, sei Opfer einer heimtückischen und menschenfeindlichen Gesinnung geworden. Die Stadt Kassel erinnere daran, damit sich solche sinnlosen und grausamen Taten nicht wiederholen. Schoeller ging auch darauf ein, dass die Täter des NSU „aufgrund der Blindheit unseres Staates“ erst zu jenem Zeitpunkt erkannt worden seien, als sie sich selbst enttarnt hätten. „Es war und ist ein trauriges Kapitel unseres Rechtsstaates“, so Schoeller.

Am emotionalsten war aber natürlich die Rede von Ismail Yozgat. Als er zum Rednerpult schritt, schaute er sich eine Zeit lang das Bild seines Sohnes auf der Leinwand an, das für alle im Saal sichtbar war. Ihm kamen die Tränen, und spätestens da wurde jedem klar, dass Trauer und Schmerz kein Verfallsdatum haben. Yozgat schilderte später die Ereignisse jenes 6. April 2006, eines zunächst freundlichen Frühlingstages. Er kam aus der Stadt und wollte seinen Sohn im Internetcafé ablösen, damit er pünktlich zur Abendschule gehen konnte. Als er das Internetcafé betrat, sah er seinen Sohn zunächst nicht, dann fand er ihn am Boden. Er starb in seinen Armen. „Seit genau 20 Jahren tragen wir einen Schmerz in uns“, sagte er. Einen Schmerz, der nie vergeht. Neben dem schon häufig geäußerten Anliegen, die Holländische Straße in Halit-Straße umzubenennen, äußerte Ismail Yozgat noch einen Wunsch: „Wir wollen heute nichts mehr, als dass unser Halit nicht in Vergessenheit gerät.“