Gefunden auf Indymedia.
Am 18.06.2025 hätte ich mich an der Pforte der JVA Hakenfelde melden und mich für mind. 3 Jahre und 3 Monate in staatliche Obhut begeben sollen.
Mich der Haft zu entziehen, ist mir nicht leicht gefallen. Mein gewohntes Umfeld und die Menschen die ich Liebe, hinter mir zu lassen, ist schmerzvoll.
Doch für mich haben andere Gründe überwogen.
Wir erleben seit Jahren eine immer unsolidarischer werdende Gesellschaft und damit einhergehend, eine sich zuspitzende Repression.
Seit meiner Inhaftierung im Jahr 2017 stand ich ununterbrochen unter staatlicher Beobachtung und Kontrolle. Zu jedem möglichen Zeitpunkt wurde ich observiert und mit technischen Mitteln überwacht. Diese Repression gipfelte u.A. 2021 in einem zwei Jahre andauernden Prozess gegen mich und drei Freund*innen vor dem Oberlandesgericht in Dresden.1
Zwei Tage die Woche wurden wir dazu genötigt uns deren Machtdemonstration und das ganze Theater drum herum zu geben. Es vergingen nochmal fast zwei Jahre bis zum Abschluss des Revisionsverfahrens und den Haftantrittsterminen. Jahre des Abwehrkampfes, langwierige Diskussionen und Streit mit Gefährt*innen, mit nur sehr wenigen empowernden Momenten, fühlten sich, trotz gegenteiliger Bemühungen und Unterstützung durch solidarische Menschen, erdrückend an. Neben diesen Abwehrkämpfen war es kaum möglich politisch zu arbeiten.
Emanzipatorische und revolutionäre Politik hat immer Gewalt und Unterdrückung der Herrschenden erzeugt. Aber zu merken das staatliche „Befriedungsmethoden“ bei mir und meinem Umfeld wirken, war und ist hart.
Nach dieser langen Zeit der Defensive, der ständigen Angriffe des Staates und der damit verbundenen Überwachung, hat es sich nicht richtig angefühlt mich freiwillig in die noch unfreiere Situation der Gefangenenschaft zu begeben. Ich strebe nach echter Veränderung. Mein Platz ist dort wo diese möglich scheint und es Menschen gibt, die dieses Ziel teilen.
Mir ist es wichtig aufzuzeigen, wo der Staat mit seinen Mitteln an Grenzen stößt, wo es Möglichkeiten gibt die Angriffe ins Leere laufen zu lassen und wo es möglich ist Widerstand zu leisten. Das gilt immer und überall und für mich gerade untergetaucht und in Freiheit.
So habe ich mich wieder für ein Leben am Rande der Gesellschaft entschieden, denn es bleibt mir nichts anderes übrig. Nur der Gedanke an ein Leben angepasst an die Mehrheit der Gesellschaft, auf der Jagd nach dem egoistischen Glück, durch Anhäufung von Besitz, Status oder positiven Momenten mit den Liebsten, der Natur, Gott, etc., löst eine starke Spannung und Abwehr in mir aus. Wie könnte ich an etwas partizipieren oder profitieren was so viel Leid reproduziert, so banal und oberflächlich ist. Tiefe und Wert sehe ich nur in den aufrichtigen Streben nach Gemeinschaft, gegenseitiger Unterstützung und individueller freier Entfaltung, frei von autoritärer Unterdrückung.
Es wird sich immer lohnen für eine Welt im Einklang mit allen Lebewesen und gegen das vorherrschende, zerstörerische System und seine Fürsprecher*innen zu kämpfen. Meine Gedanken sind bei allen Inhaftierten und besonders bei den Gefährt*innen und deren Umfelder, welche momentan im Antifa-Ost-Kontext in Düsseldorf und Dresden vor Gericht sitzen, denen das Theater noch bevorsteht, die die sich dessen entziehen und bei Maya. Viel Kraft uns allen! <3
Um es abschließend mit Schwester Ebow’s Worten zusammenzufassen:
Hoffnung fühlt sich gerade an wie ein Leeres Wort. Doch hoffnungslos zu sein wäre Mein eigener Tod.
Ich danke allen, die mir in dieser Zeit beistehen und beigestanden haben.
Dies ist mein Weg, für das zu kämpfen, woran ich glaube. Ich hoffe, dass meine Entscheidung und meine Worte Menschen inspirieren, mutig für ihre Überzeugungen einzustehen.
Mit solidarischen Grüßen
Nero*
P.s. Ich habe viel von dir lernen dürfen und du warst immer mit einem offenen Herzen für mich da. Danke Devran, ich werde dein breites Lächeln nie vergessen!
*Ich saß unter dem Synonym „Nero“ schon einmal von 2017 bis 2019 in Berlin in Haft. Damals wurde ich festgenommen, weil ich einen Polizeihelikopter mit einem Laserpointer, in Zusammenhang mit Ausschreitungen in der Rigaerstr. in Berlin, geblendet habe.
Im Anschluss an die Haft veröffentlichte das VICE-Magazin, in Zusammenarbeit mit mir, einen Artikel über „Nero“. Die Zusammenarbeit und der Artikel wurde, zu recht, stark kritisiert.
Als ich mich entschied mit VICE zusammenzuarbeiten, habe ich einige Fehler gemacht.
Mir fehlte das Problembewusstsein für das Bild, was ich mit so einer Veröffentlichung nach außen trage und welche Verantwortung ich darin trage.
Für mich ergab sich die verlockende Chance ein sehr großes Publikum anzusprechen und ich habe dafür eigene Ideale und Grundsätze übergangen. Die Verlockung, dass Thema „widerständige Haft“ einem breiten Publikum zugänglich zu machen, war größer als die berechtigte Sorge vor verzehrter Darstellung meiner Person und meines Umfeldes. Auch wenn es anhand des VICE-Artikels schwer zu glauben ist, war und bin ich kein Freund von Personenkult und inhaltsleerem Image. Ich dachte, ich müsste, diese Art der Darstellung in Kauf nehmen, um das Ziel (ein größeres Publikum ansprechen) zu erreichen.
Dennoch entsprach zu diesem Zeitpunkt, das Bild des Adrenalin gesteuerten Antifa-Mackers, auch wenn es überzeichnet dargestellt wurde, meiner Person. Mittlerweile schäme ich mich dafür, es ist peinlich und es tut mir Leid. Vor allem, dass ich dieses problematische, patriarchale Bild eines Einzelkämpfers, auch noch in der Öffentlichkeit, gepusht habe. Ich bin dankbar für die öffentliche Kritik und Kritik aus meinem Umfeld. Beides hat mir geholfen, die problematischen Anteile in dem Artikel und damit an mir zu erkennen.
Ich habe mich die letzten Jahre sehr schwer getan eine Reaktion auf den VICE-Artikel zu veröffentlichen, da ich der Kritik nur zustimmen konnte und es sich dadurch für mich, wie ein „Hände rein waschen“ angefühlt hätte. Außer meinem Image-Schaden entgegen zu wirken, habe ich also kein Mehrwert in der Veröffentlichung gesehen.
Ich empfand es besser die öffentliche Kritik für sich stehen zu lassen.
Da ich jetzt mit dem Namen Nero wieder an die Öffentlichkeit trete, finde ich es wichtig mich jetzt zu der Kritik zu äußern.
Es gab auch Überlegungen das Synonym Nero nicht mehr zu verwenden, da es für viele, für diesen VICE-Artikel und die darin vermittelten Werte steht. Das fühlt sich aber falsch an. So, als wenn ich mit einem neuen Synonym bzw. dem weg lassen von Nero mir erhoffe, dass der VICE-Artikel vergessen wird. Mir ist es wichtig zu meiner Vergangenheit und gemachten Fehlern zu stehen.
1 Für weitere Infos zum Verfahren: https://www.soli-antifa-ost.org/; https://www.basc.news/; https://bsg-nrw.org/; https://www.antifaostkomplex.org/