Sara starb vor einigen Tagen zusammen mit ihrem Gefährten Sandro mutmaßlich bei der vorzeitigen Explosion eines Sprengsatzes in einem Anwesen bei Rom. Am Freitag fand die Beerdigung im Familien – und Freundeskreis statt, eine öffentliche Gedenkveranstaltung in der Nähe des Todesortes am heutigen Sonntag wurde verboten, die trotzdem erschienenen Genoss*innen wurden u.a. durch Einsatz von berittener Polizei daran gehindert, den Genoss*innen würdig zu gedenken. 91 Genoss*innen wurden festgenommen. Eine zweite, kleinere öffentliche Versammlung konnte unter scharfer Überwachung stattfinden.
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Als Genossen und Genossinnen, die dich vor vielen Jahren kennengelernt und mit dir gemeinsame Wege auf dem Weg zum Kommunismus beschritten haben, möchten wir dir einige Worte widmen, um der Person, die du warst, Gerechtigkeit und Ehre zu erweisen. Von den Kämpfen in den Regionen bis hin zu den Studentenbewegungen, von der Organisation der Arbeiter bis zum Kampf für das Recht auf Wohnen – du warst immer dabei, an vorderster Front, und hast dich mit ganzer Kraft für eine Gesellschaft eingesetzt, die frei von Ausbeutung und Unterdrückung ist.
Während deiner Zeit in Umbrien hast du dich zunehmend den anarchistischen Kreisen angenähert und mit derselben Energie, die dich immer ausgezeichnet hat, die Gemeinschaften belebt, denen du angehörtest, und den Kampf an der Seite der Ausgebeuteten fortgesetzt, im Geiste einer revolutionären Idee, die der Anarchie verschrieben ist.
Im Laufe deines Lebens hast du viele schwierige Momente durchlebt, die uns alle verbinden: prekäre Lebensverhältnisse, niedrige Löhne und Arbeitslosigkeit. Die Schwierigkeiten, denen du begegnet bist, haben dich hartnäckiger, stärker und entschlossener gemacht, und vielleicht hat dich die Ohnmacht gegenüber dieser totalitären Gesellschaft – in der der Begriff „Demokratie“ seiner Bedeutung beraubt und dazu benutzt wird, kapitalistische Praktiken zu verschleiern, die auf die Ausbeutung des Menschen durch den Menschen, der Umwelt und der Tiere ausgerichtet sind – zu immer radikaleren Entscheidungen getrieben.
Wir machen uns deinen Kampfgeist zu eigen, genauso wie wir uns die revolutionären Perspektiven zu eigen machen, die du in deiner mittlerweile berühmten Rede vor Gericht zum Ausdruck gebracht hast: Wir sind Feinde des Staates, seiner Gesetze und seiner Institutionen; wir kämpfen für eine Gesellschaft, die frei von Ausbeutung und Unterdrückung der Arbeiterklasse ist, für ein Leben in Gleichheit aller Männer und Frauen.
In diesen Tagen beeilen sich die italienischen Zeitungen, dein Leben und deine politischen Taten zu beschreiben, um dich zu kriminalisieren und dich zu einem mörderischen Monster, einer skrupellosen Terroristin zu machen. Doch sie sind weit von der Wahrheit entfernt. Wir kennen den Hass, der jene feigen, bezahlten Schreiberlinge antreibt, mit denen jeden Tag die Realität verfälscht wird, indem der Henker zum Opfer und das Opfer zum Henker gemacht wird. Wir sind uns bewusst, dass versucht wird, die Kämpfe unserer anarchistischen Genoss*innen zu kriminalisieren, ebenso wie die aller, die den Mut und den Willen haben, den Kopf zu erheben, um diese kapitalistische und schändliche Gesellschaft zu bekämpfen.
Heute gedenken wir unserer Genossin Sara mit Wut und Schmerz.
Du warst ein junge Frau, lächelnd, großzügig, selbstlos, immer bereit, zuzuhören und jeden in schwierigen Zeiten zu unterstützen. Du hast niemanden zurückgelassen. Trotz der unterschiedlichen Wege, die wir eingeschlagen haben, wirst du für immer unsere Genossin, unsere Freundin, unsere Schwester sein.
Du wirst in unseren Kämpfen für eine andere und freie Gesellschaft weiterleben.
Wir sind stolz darauf, an deiner Seite gekämpft zu haben.
Deine Genossen
Deine Genossinnen
Veröffentlicht am 28. März 2026 auf La Nemesi, ins Deutsche übersetzt von Bonustracks.

Zwei tote Anarchisten nach Explosion in Italien – Polizei in Rom glaubt an Anschlagsversuch auf Bahnstrecke oder Polizeikaserne
Zuerst erschienen bei ND
Am Freitagvormittag entdeckte ein Spaziergänger im Parco degli Acquedotti im Süden Roms schwere Schäden an einem verlassenen ehemaligen Verwaltungsgebäude. Feuerwehrleute bargen darin die Leichen der bekannten Anarchist*innen Alessandro Mercogliano und Sara Ardizzone. Sie starben offenbar am Donnerstagabend bei einer Explosion.
Die Polizei geht davon aus, dass die beiden einen Sprengsatz aus Düngemittel zusammengebaut hatten. Als mögliches Ziel gilt die unmittelbar am Park vorbeiführende Hochgeschwindigkeitsstrecke Rom–Neapel. In den vergangenen Wochen kam es rund um die Olympischen Winterspiele zu mehreren Anschlägen auf Italiens Eisenbahnnetz. Das Innenministerium spricht dabei von einer Verfünffachung von 2024 auf 2025.
Als Anschlagsziel der Anarchist*innen nicht ausgeschlossen werden auch ein nahe gelegener Polizeikomplex sowie eine Kaserne der Carabinieri. In italienischen Medien kursiert als mögliches Motiv außerdem eine Mobilisierung für eine am 28. März in Rom angemeldete Demonstration anlässlich des im letzten Jahr geräumten sozialen Zentrums »Askatasuna« in Turin.
Umfeld des bekannten Anarchisten Cospito
2012 ermittelte die Genueser Staatsanwaltschaft gegen den 53-jährigen Mercogliano im Zusammenhang mit dem Anschlag auf Roberto Adinolfi, einen Manager des Energiekonzerns Ansaldo Energia. Der ebenfalls in Italien bekannte aufständische Anarchist Alfredo Cospito soll diesen mit seinem Gefährten Nicola Gai angeschossen haben. Die politische Polizei Digos will aus Telefondaten ermittelt haben, dass Mercogliano vor und nach der Tat mit Cospito und Gai in Turin unterwegs war. Ein Verfahren gegen ihn wurde aber mangels Beweisen eingestellt.
In einem anderen Prozess, der sich gegen mutmaßliche Zellen der Informellen Anarchistischen Föderation (FAI-FRI) richtete und unter anderem Bombenanschläge sowie den Versand von Sprengstoffpaketen zum Gegenstand hatte, wurde Mercogliano 2019 von einem Schwurgericht erstinstanzlich wegen Bildung einer terroristischen Vereinigung zu fünf Jahren Haft verurteilt – in demselben Verfahren erhielt Alfredo Cospito 20 Jahre. In der Berufung sprach das Gericht Mercogliano jedoch von allen Anklagepunkten frei.
»Feind jedes Staates«
Die 36-jährige Ardizzone stand in einem Verfahren unter anderem wegen Anstiftung zu Straftaten mit terroristischem Hintergrund unter Anklage. Dabei ging es um Sabotage und Anschläge auf die italienische Eisenbahn‑Infrastruktur, Polizei, Italiens Abschiebemaschinerie und verschiedene Firmen.
In der Vorverhandlung verlas Ardizzone eine längere Erklärung, in der sie sich als Anarchistin und damit »Feind dieses Staates wie jedes anderen Staates« erklärte. Egal ob Demokratie oder Diktatur, dienten die Systeme nur der Kontrolle über die Bevölkerung – »oder genauer gesagt: über die unterdrückte Klasse«, so Ardizzone. Alle Angeklagten in dem Verfahren wurden im Januar 2025 freigesprochen.
Ardizzone lebte seit Jahren in einem kleinen Weiler eines umbrischen Dorfes mit 500 Einwohner*innen. Der dortige Bürgermeister Tullio Fibraroli sagte der Nachrichtenagentur Ansa, sie sei »eine Einzelgängerin gewesen, und im Dorf kannte sie praktisch niemand«.
Solidarität aus Deutschland
Die Polizei durchsuchte nach der Explosion am Wochenende in Rom fünf Wohnungen aus der anarchistischen Szene sowie weitere Objekte in mehreren italienischen Städten. Untersucht wird auch, woher der Sprengstoff stammte und ob weitere Personen an den Planungen beteiligt waren.
Italiens Medien spekulieren mit den Ermittler*innen über eine Vernetzung von Mercogliano und Ardizzone innerhalb europäischer anarchistischer Kreise. Bekannt waren sie jedenfalls auch in Deutschland: In einer unter anderem auf linken Internetplattform »Indymedia« veröffentlichten Erklärung heißt es: »Wir haben Sandrone und Sara in den Versammlungen und auf den Camps kennengelernt, wo über Anarchie, Solidarität, Gefängnis, das uns umgebende Herrschaftssystem und darüber gesprochen wurde, wie man es bekämpfen kann.«
Ebenfalls am Wochenende nahm die Polizei nach einem zuvor ausgestellten Haftbefehl Giuseppe Sciacca in Catania fest. Er gilt den Behörden als weitere Schlüsselfigur des insurrektionalistischen Anarchismus und ist unter anderem wegen Anschlägen auf Polizeiwachen mehrfach vorbestraft. Zwischen 2021 und 2023 soll er in der anarchistischen Szene Barcelonas unterwegs gewesen sein. Er wurde in Italien zu vier Jahren und fünf Monaten Haft sowie einer Geldstrafe von 17 000 Euro verurteilt.