Die folgenden Überlegungen sind aus Diskussionen über die Antifa, die Situation der Linken im wilden Westen und die Erfordernisse der nächsten Zeit hervorgegangen. Sie bieten, wie das ja heutzutage üblich ist, mehr Fragen als Antworten und in jedem Fall mehr die Benennung von Kritikpunkten als von Lösungen. Vielleicht tröstet es die eine oder den anderen, daß die Verfasserin sich selbst genau in dem Rahmen - mit exakt den gleichen Mängeln - sieht, in dem sie sich beschreibt.
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Selbstverständlich ist die Antifa ohne Zweifel die Erbin
der radikalen Linken, anders ausgedrückt: In mancherlei Hinsicht ist sie das,
was aus der radikalen Linken entstanden und von ihr übrig geblieben ist. Die
genauere Eingrenzung dessen jedoch, was radikal und links sei, ist
einigermaßen unklar, mindestens aber heterogen. Es bleibt wohl gültig, daß
die meisten, die sich als links und/oder sogar linksradikal verstehen, von
einem Drang nach Freiheit und Gemeinschaftlichkeit bei gleichzeitiger
Ablehnung der bestehenden Verhältnisse, getrieben werden. Letztere werden
einschließlich ihrer Entwicklungsdynamik ebensowenig einer genaueren Analyse
unterzogen - der im Ansatz steckengebliebene Versuch, eine Diskussion über
das Prinzip Arbeit vor einiger Zeit macht das recht deutlich - wie die
Notwendigkeit und Möglichkeit von Veränderung aus den herrschenden
Verhältnissen abgeleitet würde. Ebenso spielt der Begriff der Entfremdung,
immerhin früher einmal eine zentrale Kategorie der
sozialistisch-emanzipatorischen Bewegungen, kaum eine Rolle - was schon daran
deutlich wird, wie viele von uns (davon wird noch zu sprechen sein) in
hochgradig entfremdeten Arbeitsverhältnissen stecken und damit ziemlich
zufrieden sind.
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1Die Antifa beruft sich - mehr oder weniger zu Recht - auf die Tradition der radikalen Linken; allerdings fehlt ihr jegliche positive Utopie. |
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Das bedeutet nicht, daß nicht manche gute (persönliche
und/oder politisch-philosophische) Gründe dafür haben, sich als Linke zu
verstehen. Aber mal im Ernst: Von denen, die in diesem unserem Lande hungern,
ist niemand in der Antifa oder sonstigen linken Clübchen. Tatsächlich wäre
darüber hinaus einmal die Frage interessant, warum auch praktisch keine von
den Nazi-Übergriffen zuallererst Betroffenen, also insbesondere Einwanderer
beiderlei Geschlechts, in unseren Klüngeln organisiert sind.
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2In ihrem jetzigen Zustand bedeutet die Zugehörigkeit zur Antifa als Gesamtheit nicht ein "entwickeltes revolutionäres Bewußtsein", also keine aus Erfahrung und Analyse entstandene Radikalität, sondern die Zugehörigkeit zu einer sozio-kulturellen Gruppe und verkommt letzten Endes zur Attitüde. Diese linke Attitüde hat keine soziale Basis und geht über den reinen, jederzeit revidierbaren und immer konsequenzlosen Bekenntnischarakter nicht hinaus. |
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Das meint zunächst einmal ganz polemisch und provokant:
Würde die heutige Linke die Energie, die sie auf die Säuberung der eigenen
Reihen (von Vergewaltigern und sonstigen Grenzüberschreitern) bzw. die
meist peinlichen Diskussionen über die Rechtmäßigkeit dieser Säuberungen
aufwendet, für die Entwicklung einer zutreffenden Analyse, einer tragfähigen
Utopie und deren Umsetzung in eine konsequente Politik nutzen, stünden wir
nicht da, wo wir jetzt stehen. Was sich wie eine Bestätigung des unsäglichen,
halbverdauten Geseires von Wertmüller und Krug anhört*, ist aber natürlich
ganz anders gemeint. Worum es geht, ist, daß die Linke, seit sie sich - und
zwar völlig zu Recht und notwendigerweise - bestimmte soziokulturelle Aspekte
(insbesondere Sexismus, Rassismus; neuerdings und ganz modisch
Antisemitismus, mit dem heute alles erklärt bzw. verdammt werden kann) zu
eigen gemacht hat, auf Interventionen nach außen weitgehend verzichtet. In
der Ablehnung sexistischer und rassistischer Äußerungen und Verhaltensweisen
kommt natürlich einerseits zum Ausdruck, daß wer die neue Welt aufbauen will,
nicht umhin kommt, sich mit ihren Schädigungen innerhalb der eigenen
Gruppe(n) und bei sich selbst auseinanderzusetzen. Problematisch wird es aber
dann, wenn sich die Bekämpfung etwa von Sexismus auf die eigenen Reihen
beschränkt und die Kräfte so weit aufzehrt, daß ein aktives Vorgehen gar
nicht mehr vorstellbar ist. Das bedeutet keine Abkehr von den seit zwanzig
Jahren entwickelten Standards des gegenseitigen Umgangs, sondern die
Aufforderung an uns alle, Wege zu finden, mit denen sich die lähmenden
Diskussionen und gegenseitigen Distanzierungen aufheben lassen. Zudem ließe
sich sogar die Frage stellen, in welchem Maße das regelmäßige Wiederkehren
von Vorfällen, die als Vergewaltigung o.ä. definiert werden, Ausdruck des
oben erwähnten soziokulturellen und eben nicht politischen Charakters der
Linken heute ist, ob also in einer tatsächlich revolutionären Bewegung - zu
der manche, die sich heute bei uns tummeln, nur nach einem längeren
Bewußtwerdungsprozeß stoßen könnten - sich diese Probleme ganz anders
stellen. |
3Die Antifa beschränkt ihren positiven, utopischen Impuls - wie die Linke insgesamt - auf das eigene Milieu; gesellschaftlich relevant ist sie dadurch nicht. |
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Möglichkeit (hinsichtlich des revolutionären Subjektes und der gesellschaftlichen Momente, die eine Revolutionierung der Verhältnisse tragen müßten) einer grundlegenden Veränderung aufzuzeigen, auch fast jegliche Vorstellungen über eine andere gesellschaftliche Organisationsform, selbst ernsthafte Gedanken darüber, welchen Zweck diese im Gegensatz zu den herrschenden Verhältnissen erfüllen müßte. Statt dessen gefällt sich die Linke darin, bestimmte besonders auffällige Charakteristika der herrschenden Verhältnisse anzugreifen und diese bei sich und manchmal auch nach draußen zu bekämpfen. Dieser Mangel an positiver Utopie, diese Beschränkung auf die Ablehnung paßt aufs Vorzüglichste dazu, daß das "Linkssein" in erster Linie und oft ausschließlich jugendlich-rebellische Attitüde ohne nennenswerte weitere Konsequenzen bleibt. Darüber hinaus verliert die Linke insgesamt - und die Antifa sowieso - endgültig ihren fundamental-kritischen und bereits lange davor ihren revolutionären Charakter. Letzte Konsequenz der negationistischen Haltung sind die Anti-Deutschen, deren Selbstverständnis sich im wesentlichen auf das spießbürgerlich Wilhelm Busch'sche "Gott sei Dank, ich bin nicht so" beschränkt. Nun ist freilich die Negation schon beim alten Karl [immer noch Marx] als revolutionäres und revolutionierendes Moment genannt; hier geht es jedoch um etwas anderes: Auch wenn dieser Anspruch mitunter vertreten wird, bleibt der Angriff auf Teilaspekte der herrschenden Verhältnisse systemimmanent. Er zeigt, da er sich in seiner Kritik meist - oft unausgesprochen - auf den Widerspruch zwischen offiziellem Selbstverständnis und tatsächlichem Vorgehen bezieht, in erster Linie Legitimationslücken auf und ist dadurch im Kern reformistisch. Ein Beispiel ist die Kritik an der SPD, den Grünen oder mehr noch insgesamt am "Aufstand der Anständigen", die ja Anspruch und Wirklichkeit miteinander vergleicht und ersteren im Prinzip anerkennt. Dies gilt selbst für die - so radikal wirkende, inhaltlich und strukturell aber fragwürdige - Standardparole "Nazis morden, der Staat schiebt ab. Das ist das gleiche Rassistenpack". Es geht ja auch hier nicht um eine grundsätzliche Kritik am Staat, die, wie oben angedeutet, das grundsätzliche Herrschaftsdispositiv über Einwanderung und Einbürgerung in Frage stellen müßte. Es geht inhaltlich nur um eine Säuberung der staatlichen Politik von rassistischen Elementen. Inwiefern diese Politik tatsächlich rassistisch (oder sexistisch; die Frauen-Lesben-Fraktion will ja auch nur Legalisierung aller eingewanderten Frauen) oder vielmehr von Verwertungsinteressen bestimmt ist (und deshalb eben Frauen besonders häufig abgeschoben werden, weil sie als in aller Regel unqualifizierte Arbeitskräfte derzeit nicht gebraucht werden), wird meist nicht einmal ansatzweise überlegt. Die inhaltlich viel weitergehenden Parolen aus den 80er Jahren "Freies Fluten" bzw. "Grenzen auf für Alle", teilweise auch das neuere "Kein Mensch ist illegal", die tatsächlich einen wesentlichen Aspekt moderner Staatlichkeit angreifen - nämlich den Teil staatlicher Souveränität, der Entscheidungsgewalt über die Bevölkerungszusammensetzung beansprucht-, wurde zugunsten einer vermeintlich praktika-b-leren, realistischeren Flüchtlingspolitik von links nicht mehr benutzt. Inzwischen ist natürlich die radikale, richtigere Position, da sie in keinem wirklichen gesellschaftstheoreti-schen Zusammenhang mehr steht, kaum mehr vermittelbar. Darüber hinaus wird auch noch der klägliche Versuch, das Einzelne - etwa die Abschiebepraxis - als konstituierendes Element der herrschenden Verhältnisse zu benennen, verplempert mit dem aufschlußreichen Argument, man könne Leuten vierseitige Papiere nicht zumuten (So geschehen bei den Vorbereitungen auf den 28.10.). Es sei die Bemerkung gestattet, daß diese Auffassung mit der Bild-Zeitungs-Aktion für kurze SMS-Nachrichten völlig konform geht.
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4Die Linke hat insgesamt seit den achtziger Jahren und der damaligen fortschreitenden Reduktion politischer Aktivität auf themengebundene Kampagnen, insbesondere aber seit dem Untergang des "realen Sozialismus", jegliche relevante Utopie verloren; konsequenterweise beschränkt sich die Linke in ihren Aussagen, und dies schließt die Antifa schon von ihrem Namen her ein, in erster Linie auf partielle Negation. |
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Dies gilt nicht nur in Bezug darauf, daß das Vorgehen
gegen Nazis in keiner Weise den Staat und seine Träger angreift. Der Umstand,
daß in die Kritik und mitunter die Angriffsziele die politischen
Entscheidungsträger (soweit sie überhaupt entscheidungsmächtig sind)
einbezogen werden, ändert am Kapitalverhältnis und den daraus resultierenden
Funktionen der Politik gar nichts. Ebenso ist die Kritik an der Flüchtlings-
und Abschiebungspolitik insoweit affirmativ, als sie lediglich unmenschliche
Praktiken angreift, nicht aber das Dispositionsrecht des Nationalstaates über
die Bevölkerung insgesamt. Dann nämlich wäre auch zu überlegen, ob nicht
gleichzeitig mit der Praxis der Abschiebungen ein staatliches Vorgehen zu
kritisieren wäre, das Flüchtlinge in Gemeinden unterbringt, die diese
Unterbringung ausdrücklich ablehnen. Das heißt: Auf der einen Seite wird dem
Staat die Pflicht zugeschrieben, Flüchtlinge vor der einheimischen
Bevölkerung zu schützen; das grundsätzliche Dispositiv des Staates bleibt damit
unangetastet und wird sogar - im Grunde antidemokratisch - ausgeweitet. Auf
der anderen Seite soll der Staat, dessen Existenz und Legitimität damit
faktisch anerkannt wird, diese seine Macht nicht in einer Weise verwenden,
die als Mißbrauch empfunden werden muß. [N.B.: Es wäre mal die Frage zu
stellen, wie eine freie Einwanderung mit freien Interventionsmöglich-keiten
Aller Beteiligten unter den entfremdeten Verhältnissen, unter denen wir nun
einmal leben, tatsächlich aussähe.] Ein Gleiches gilt für unsere
Anti-Nazi-Politik: Der Unterschied zwischen unserem Vorgehen und dem der
staatlichen Seite besteht ausschließlich in der Form, nicht im Inhalt. Wobei
sich zusätzlich sagen ließe, daß diese Form - die nach außen vertretene,
allerdings nur von wenigen wirklich getragene Militanz - ebenfalls in mehr
oder minder großem Maße bloße Attitüde ist. Gerade denen, die lediglich dann
zu mobilisieren sind, wenn es darum geht, den Nazis eins aufs Dach zu geben,
wäre zweierlei zu sagen: Zum einen: Was unsereins (und die Verfasserin
schließt sich da ganz und gar nicht aus) heutzutage an Militanz auf die
Straßen und in die Nacht bringt, ist schon ziemlich lächerlich im Vergleich
zu der Offensivität und Standhaftigkeit, die die Eltern der Jüngeren unter
uns vor 30 Jahren gezeigt haben, und vollends kläglich gegenüber Menschen,
die tatsächlich gekämpft haben und kämpfen, weil ihnen nichts anderes übrig
blieb. Freilich ist die Zeit des bewaffneten Kampfes einstweilen (und in
mancherlei Hinsicht glücklicherweise) einstweilen vorbei und auch
Massenmilitanz spontaner und/oder organisierter Art kaum zu erwarten. Es
stellt sich aber die Frage, ob die Formen militanten Vorgehens immer einer
Einsicht in die Notwendigkeit folgen - und wenn, warum sie dann nur von so
wenigen praktisch vorgetragen wird -, oder ob sie ihrerseits nicht häufig
eher Bestandteil der Attitüde sind.* Zum anderen: Letzten Endes ist das, was
wir da machen - wenn es denn mal soweit kommt -, formal von einer Bürgerwehr
kaum zu unterscheiden, zumal hier wie dort Frauen als aktive Mitglieder keine
Rolle spielen. Als revolutionärer Kern wäre allenfalls festzuhalten, daß die
Antifa das staatliche Gewaltmonopol in Frage stellt (was zwar ganz nett ist,
aber eindeutig nicht ausreicht), so wie die Flüchtlingsbewegung das staatliche
Dispositiv über Bevölkerung angreift. Allerdings geschieht beides lediglich
symbolisch und in einer Weise, die eher mehr Widersprüche schafft als daß sie
die bestehenden auflösen könnte. Inhaltlich bleibt sie im Kern konservativ,
da ihr die herrschenden Verhältnisse - in denen sich die kläglichen Reste
linker Subkultur ja relativ ungeschoren tummeln können - immer noch lieber
sind als der Faschismus - über dessen objektive Möglichkeit kaum diskutiert
wird. * Es ließe sich eine weitere Überlegung hinzufügen: Bloch unterscheidet in einem wunderbaren Text zwischen (revolutionärem) Zorn und (reaktionärem bzw. kleinbürgerlichem) Haß. Einen der Hauptunterschiede sieht er darin, daß der Zorn, der im Gegensatz zum lange schwelenden, dumpfen und meist verdeckten Haß offen ist und sich unmittelbar äußert, die Sicherheit der eigenen Person nicht achtet, sie ganz einsetzt. Diese das Selbst nicht achtende Konsequenz fehlt völlig, auch vielen "Militanten".
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5Die Antifa kommt im Kern über eine Affirmation der bestehenden Verhältnisse nicht hinaus. |
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Diese Moralität ist vermutlich der positivste Aspekt
dessen, was wir darstellen. Für Viele (zumindest unter den
"Organisierten") speist sich das Engagement aus dem ernst gemeinten
Wunsch, zu verhindern, was hierzulande schon mal zu ziemlich katastrophalen
Verhältnissen und zu millionenfachem Massenmord geführt hat. Ebenso hat die
Antifa, wo sie als Speerspitze der allgemein geforderten gesamtdeutschen
Anti-Nazi-Bewegung anerkannt ist (also den tatsächlichen und potentiellen
Bündnispartnern) den Ruf und die Funktion eines gut informierten,
konsequenten moralischen Korrektivs. Das gilt zumindest für Düsseldorf. Daß
sie in dieser Form auch nur in diesem unseren Land möglich ist, sollte den
Anti-Deutschen Anlaß sein, ihre selbstgerechte Pose zu einer ernstzunehmenden
Haltung zu entwickeln. In anderen Ländern, etwa Frankreich, speist sich die
antirassistische und antifaschistische Bewegung aus anderen Motiven, die
gerade weil sie mit einer Verhinderung des einmal Erfahrenen nichts zu
schaffen haben, in ihrer Kritik und ihrem Vorgehen mitunter wesentlich weiter
gehen, als wir das hier tun (z.B. 1. Mai 2000 in Paris: mehrere Zehntausend
demonstrieren für die Legalisierung aller illegalen Einwanderer; übrigens mit
den Gewerkschaften). |
6Abseits ihrer Zuordnung zu einer kaum definierten Linken ist die Antifa im wesentlichen eine moralische Bewegung. |
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Die Entwicklung eines wirklichen, emanzipatorischen
und/oder revolutionären Selbstverständnisses mit allem, was so dazugehört,
ist - sozusagen paradoxerweise - selbst innerhalb der Aufgabenstellung der
Antifa unabdingbar: In dem Maße, in dem die Antifa sich auf Antifaschismus
und Anti-Nazi-Politik reduziert und, nicht zuletzt wegen ihrer Schwäche, die
teilweise mit den oben ausgeführten Mängeln zusammenhängt, mit etablierten
Organisationen zusammenarbeitet, wird sie in der Außenwahrnehmung zu dem, was
die Nazis "Staats-antifa" nennen. Das müßte uns nicht weiter
interessieren, wenn nicht darin, wie auf den vorangegangenen Seiten
ausgeführt, ein wahrer Kern steckte. Genau deshalb kann sich das Nazipack als
"eigentliche" "revolutionäre" Alternative verkaufen, als
einzige Gruppe, die tatsächlich grundsätzlich mit den herrschenden
Verhältnissen bricht; daran ändert nichts, daß die Nazis ihrerseits nicht
selten nützliche Idioten der CDU/CSU/SPD/FDP/PDS (im Osten)/Grüne gewesen
sind und bleiben werden: Ihre - meist von den Protagonisten gar nicht
wirklich verstandene - Vorstellung, Zugehörigkeit nicht nach der sozialen und
ökonomischen Vernutzbarkeit, sondern nach rassischen (abgemildert:
ethnisch-kulturellen) Kriterien bestimmen zu wollen, unterscheidet sich
tatsächlich grundsätzlich vom modernen Kapitalismus, dessen rassistische
Elemente ihm eben nicht wesenhaft zugehören, sondern Relikte aus einer Zeit
sind, als ein halbaufgeklärtes Bürgertum den Schock der Moderne
(einschließlich der rechtlichen Gleichstellung der Juden) verarbeiten mußte.
Die völkische und nationalsozialistische Bewegung ist mit dem Anspruch
aufgetreten, allen bewußte und für alle wahrnehmbare Fehlentwicklungen, die
wir in ähnlicher Form auch kritisieren (Arbeitslosigkeit, Ausgrenzung;
Entfremdung), mit einem relativ einfachen Mittel zu beheben versprach, das
gleichzeitig den Klassenkampf, also die Gefährdung der Eigentumsverhältnisse
und Verwertungsbedingungen, ersetzte, nämlich die Volksgemeinschaft. Das ist
heute nicht wesentlich anders, zumal die wenigen Nazi-Köpfe (im intelligenten
Sinne) längst aus den Fehlern sowohl der NSDAP als auch der Linken gelernt
haben und praktisch alle ehemals linken Politikfelder besetzt haben. Der
Umstand, daß sie ihr Vorgehen von moralischen und humanistischen Bedenken
gegenüber denen, die als nicht zugehörig definiert werden, wie auch gegenüber
dem "System" in seiner Gesamtheit völlig unbelastet gestalten
können, macht einen gut Teil ihres Erfolges aus: Vor allem läßt sich aufgrund
einer "Analyse", in der die Ausländer einen wesentlichen Kern des
Problems darstellen, der Eindruck erwecken, daß die Rechte ihren
revolutionären Anspruch mit ihren Überfällen tatsächlich einlöst, wohingegen
die Linke über den Kampf gegen die Nazis - statt gegen das System - nicht
hinauskommt. Insofern ist das Nazipack im Augenblick tatsächlich die einzige
aktiv radikale Kraft. Daß sich deren Vorstellungen, sollten sie jemals
(wieder) umgesetzt werden können, nicht in positiver Weise von dem
unterscheiden, was wir heute um uns herum wahrnehmen können, ändert daran gar
nichts. Damit stecken wir in einem Dilemma aus dem es im Moment für uns kein
Entrinnen gibt: Die zunehmenden Aktivitäten der Nazis nötigen uns dazu, sich
mit ihnen auseinanderzusetzen und halten uns von wesentlicheren Fragen ab. LOTTE IN WEIMAR
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7Wenn die Antifa Antifa bleibt, wird sie nicht mehr sein. Wenn nicht, auch nicht.
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Gemeint ist ein Aufsatz der Bahamas-Fraktion zur Berliner Vergewaltiger-Debatte unter dem Titel "Infantile Inquisition", in dem die beiden Autoren im wesentlichen die These vertreten, 1. sei doch egal, was vorfällt, Hauptsache die Gruppe ist in ausreichendem Maße antideutsch; 2. hätten diejenigen, die sich über über sexuelle Übergriffe aufregen, nur zu lange keinen guten Sex gehabt, 3. sexuelle Machtphantasien hätten doch alle. Daß das ganze mit Adorno- und Freud-Zitaten (seit wann ist der ein Bezug für Linke?) gewürzt wird, macht die Lektüre nicht erträglicher; daß der Umgang mit sexuellen Übergriffen sowie mit Sexualität überhaupt in der Szene in mancherlei Hinsicht problematisch ist, auch nicht. zurück |