Wir stellen dieses Zitat aus einem der 1.Mai-Vorbereitungstreffen unserer Kritik
voran. Wir haben uns an der Vorbereitung des 1.Mai 2003 beteiligt. Für
uns war und ist die Neonazi-Demo auch eine Möglichkeit, Widerstand zu verbreitern
und eine Debatte über den Rahmen autonomer Zusammenhänge hinaus zu
führen. Das war das Motiv für die ›Ab durch die Mitte‹-
Veranstaltung am 4.4.2003. Sie war als eine von vielen politischen Aktionen
gedacht, die die 1.Mai-Aktionen inhaltlich und praktisch tragen sollten.
Wir möchten das Thesenpapier der autonomen Antifa-Frankfurt im Lichte der
Ereignisse des 1.Mai 2003 noch einmal lesen. Denn nur so wird die Theorie durch
die Praxis überprüfbar. Wir waren von dem Papier positiv überrascht.
Die eigenen Vorurteile über die immer gleiche Antifa-Politik schienen sich
nicht zu bewahrheiten.
Dieses Misstrauen nährte sich aus der Erfahrung, die wir während und nach dem 1. Mai 2002 machten. Zwar betonte alle, wie wichtig gerade jetzt eine Nachbereitung sei, doch bereits der dritte Termin musste wegen mangelnder Beteiligung abgesagt werden.
Zurück zum Thesenpapier aus dem Jahr 2003: »Interessant für uns sind vor allem die An- und Abfahrten bzw. die politische Debatte und inhaltliche Bestimmung im Vorfeld.« (Thesen zum 1.Mai 2003, Blockadekonzept gegen den Aufmarsch)
Natürlich hätte mensch bei der Verknüpfung von An- und Abfahrt mit politischer Debatte und inhaltlicher Bestimmung stutzig werden können. Noch überwog die Freude, eine inhaltliche Bestimmung aus der Antifa-Ecke erwarten zu dürfen. Leider war das Warten vergebens. Eine inhaltliche Bestimmung, die Voraussetzung für eine Aktion gegen das Radrennen ›Rund um den Henninger Turm‹ gewesen wäre - denn Fahrrad hat nun wirklich nicht unmittelbar etwas mit Faschismus zu tun. Die Verbindung zwischen dem gewaltsamen Durchsetzen eines Aufmarsches der ›Freien Kameradschaften‹ und den gleichzeitig stattfindenden sportlichen Feierlichkeiten zu schaffen, hätte die Stadtregierung unter Druck setzen sollen. Ein Viererbündnis (CDU/SPD/FDP/Die Grünen), das den Aufmarsch der Neonazis ›wegtolerieren‹ (FNP vom 2.5.03) wollte, hätte erklären müssen, wie sie feiern können, wenn Rassisten durch die Stadt marschieren. Vermutlich hätten sie so schlecht ausgesehen wie Bürgermeister Vandreike/SPD am diesjährigen 1.Mai in Fechenheim.
Wie gesagt, das Warten war vergebens. Dadurch wurde natürlich jede Radrenn-Aktion
hinfällig: Ohne eine klare politische Stoßrichtung ist es unverantwortlich,
ein solches Konzept durchzusetzen. Da die Frankfurter Antifa nicht in der Lage
war, die Mehrheit der angesprochenen Antifa-Gruppen für ihre Idee zu begeistern,
entstand schnell der Eindruck, es gibt ein verhältnismäßig großes
Diskussionsdefizit in der Antifa-Szene.
Die inhaltlichen Gemeinsamkeiten schienen nicht über ›Glatzen sind
Scheiße‹ und der Staat ist ›voll faschistisch‹ hinauszugehen.
Statt dieses Problem in den eigenen Antifa-Zusammenhängen anzugehen, wurde
eine Klarheit und Entschiedenheit in den weiteren Aktionsvorbereitungen vorgegaukelt,
die es überhaupt nicht gab, weder inhaltlich, noch praktisch: »Kommt
zur Untermainbrücke – 15.30 Uhr«. Dieser ›Aufruf‹
wurde als Zettel am 30.4.03 auf dem letzten Vorbereitungstreffen kommentarlos
herumgereicht. Es ist nicht mehr der Versuch unternommen worden, nur im entferntesten
einen Konsens herzustellen. Die inhaltliche und politische Bestimmung dieser
Aktion ist schlichtweg abgekoppelt worden. Ganz praktisch erwies sich die Aktion
als Windei. Die Verantwortungslosigkeit, mit der in den politisch luftleeren
Raum hineinmobilisiert wurde, wurde nur noch von der Weigerung, sich an den
eigenen Vorgaben messen zu lassen, übertroffen: »Nun ist es nicht
sinnvoll, Drohungen auszusprechen, ohne ihnen Taten folgen zu lassen.«
(Alle Räder stehen still...April 2003)
»Blockadepunkte sind das ideale Konzept für die Anti-Nazi-Koordination,
die darin ihren bürgerlichen Ungehorsam formulieren kann und auch über
ein ausreichend großes Spektrum verfügt, das genau dieses Konzept
tragen kann.« (Thesen zum 1.Mai 2003 – Blockadekonzept gegen den
Aufmarsch)
Zuerst sei daran erinnert, dass viele Jahre lang von autonomen Gruppen zu den
Veranstaltungsorten der Neonazis hinmobilisiert wurde. Es war immer klares Ziel,
dass Antifaschismus vor Ort stattfindet, in direkter Konfrontation, während
die ›Anderen‹ weit weg schöne Reden halten.
Anstatt zu würdigen, dass sich in dieser Stadt eine Selbstverständlichkeit
etabliert hat, jenseits des Erlaubten, den Neonazis an Ort und Stelle entgegenzutreten,
wird dieser politische Erfolg als bürgerlicher Ungehorsam denunziert. Nicht
wahrgenommen wird, dass hier ein Potential entstanden ist, wie wir es in der
Stadt schon lange nicht mehr hatten: Eine Mischung von Autonomen, AnarchistInnnen,
linken Gewerkschaftlern, kirchlichen Gruppen, Friedensbewegten und vielen SchülerInnen.
Es ist diese Mischung, die etwas bewegen kann!
Eine Mischung, die jede der Gruppen aus ihrer Isoliertheit befreit. Die Basis
für ein politisches Handeln, das nicht bei der Frage: Stiefel/Glatze ja/nein
aufhört, sondern die alltägliche Politik thematisiert, die sich in
institutionalisiertem Rassismus, einem immer offenerem Antisemitismus, in der
Militarisierung der (Außen-)Politik und der Zerschlagung sozialer Errungenschaften
niederschlägt. Wenn sich eine autonome Antifa zutraut, das alles allein
anzugehen, braucht sie natürlich keine Bündnisse und Kompromisse.
Dann würden wir wenigstens einmal ein Blick in dieses Konzept werfen.
»Teilweise würde sie (die Anti-Nazi-Koordination, d.V.) möglicherweise,
wie in den letzten Jahren uns praktisch – und diesmal vielleicht auch
inhaltlich folgen?!«
Beides war an diesem Tag nicht möglich: Zum praktischen Folgen müsste
jemand da sein und zum inhaltlichen müsste etwas gesagt worden sein.
Einen als solchen zu erkennenden Antifa-Block suchte mensch am 1.Mai 2003 vergebens.
Es drängt sich der Verdacht auf, die Antifa traute ihrer eigenen Mobilisierung
nicht. Dass sie nicht mal einen Redebeitrag auf der Abschlusskundgebung hielt,
spricht für sich. Ob ihr klar ist, dass es kaum eine bessere Gelegenheit
gibt, sich inhaltlich vom »bürgerlichen Ungehorsam« abzugrenzen,
ist unter diesen Umständen nicht anzunehmen. Allerdings zeugt es von einer
gewissen Arroganz zu behaupten, die Antifa ginge irgendwohin voraus, es aber
nicht nötig hat zu sagen: wohin? Auf Nachfrage wird dann gerne mit einem
subversiven Gehabe die eigene Unfähigkeit kaschiert und Kritik an solchem
Verhalten als gefährdend abgestempelt.
Auf diese Art und Weise macht sich die Antifa selbst unsichtbar. Sollte die
Antifa jemals eine »Mobilisierungshoheit« besessen haben, so hat
sie diese spätestens mit dem 1.Mai 2003 verloren.
Beenden wollen wir den Streifzug durch das Antifa-Papier mit einer Stimme aus
den Vorbereitungstreffen: »Uns geht es auch darum, die Lufthoheit über
den linksradikalen Stammtischen zu erobern.«
Wir versichern: Diese war noch nie gefährdet!
Wirklich in Gefahr ist eine Antifa-Politik, die zur radikalen Geste verkommt
– dazu passt, dass nicht einmal zu einem Nachbereitungstreffen des 1.
Mai 2003 eingeladen wurde!
Wir erwarten einen politischen Umgang, der sich an den eigenen Ansagen und
Vorgaben misst – eine Maßgabe, die nicht als Provokation, sondern
als Selbstverständlichkeit verstanden wird.